Was hilft in Krisen? Mut!

Wer zaudert und zögert, kann ewig warten, daß sein Leben besser wird. Beim mutigen Springen wachsen einem Flügel

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„Die Scheiße, in der ich schwimme, ist warm!“ So drastisch brachte kürzlich eine Klientin ihre Situation auf den Punkt. Aus dieser stinkenden und doch zugleich wohlig-vertrauten Kuschelwärme herauszusteigen, erfordert Mut, denn außerhalb ist es zunächst unangenehm kühl.

Mut zeigt sich mir, je länger ich mit Klienten arbeite, immer mehr als die entscheidende Eigenschaft, die ein Mensch braucht, um sein Leben lebendig, freudvoll und erfüllend zu gestalten. Was aus diesem Mut erwächst, durfte ich an einer Klientin erleben, die vor gut zwei Jahren bei mir war.

Nach dem Ende einer langjährigen Beziehung quälten sie heftige Selbstwert-Zweifel. Hinzu kam eine nicht gelebte, ja nicht einmal eingestandene Wut auf den Ex-Freund wegen dessen fehlender Wertschätzung sowie eine große Angst vor dem Verlassenwerden – er hatte sie verlassen.

Sie hat vier Monate an diesen Irrungen und Wirrungen Ihre Gefühle und Gedanken gearbeitet; ich hab’ sie in dieser Zeit als Hebamme bei der Geburt ihres neuen Selbst begleitet. Das ist mein Selbstverständnis: Ich tue so gut wie nichts. Der Klient macht die Arbeit. Es geht um sein Leben, sein Glück. Er hat es in der Hand, nur er!

Ich stelle mich mit ihm an die Kante des Kliffs und sag: „Spring!“ Er zögert, und antwortet: „Ich hab’ keine Flügel. Ich schlage unten auf und bin tot! Ich springe nicht!“

So geht das ein Weilchen. Beim einen dauert es Wochen, beim anderen Monate, bei wieder anderen Jahre. Jeder hat seinen eigenen Rhythmus, den es zu akzeptieren gilt. Bis dem Klienten plötzlich aufgeht, daß ihm die Flügel im Augenblick des Absprungs wachsen. Der Mut zum Sprung läßt ihm die Flügel wachsen. So lange er steht und zweifelt, tut sich nichts.

Die Klientin ist gesprungen. Ihr Mut wurde belohnt. Sie hat noch während unserer gemeinsamen Arbeit einen neuen Partner kennengelernt. Über Instagram konnte ich ihre Entwicklung verfolgen. An Silvester hat der neue Mann in ihrem Leben ihr einen Heiratsantrag gemacht. Nun springen die beiden gemeinsam. Das ist der schwierigste Sprung unseres Lebens.

„Es ist ein großes Ding, zu zweien zu sein“, schrieb Friedrich Nietzsche, der sein Leben lang allein blieb.

26. Januar 2025