Der Prinz im Hochstuhl

„Alle sind wichtig – außer mir“. Viele Eltern vermitteln ihrem Kind, vor allem Mädchen, ungewollt dieses negative Selbstbild. 

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Im Urlaub erlebte ich im Hotel jeden Morgen am Nebentisch folgende Szene: Der Vater kommt mit den beiden Töchtern Sophie (8) und Charlotte (4). Papa und Charlotte setzen sich – Sophie, die älteste Tochter, kümmert sich.

Sie holt Kakao für sich und die Schwester, zieht den Vorhang zurecht, damit niemand geblendet wird, schiebt die Tisch-Dekoration zur Seite, um Platz fürs Frühstück zu schaffen. Sie gießt der kleinen Schwester den Kakao ein, achtet darauf, daß diese beim Trinken nicht kleckert. Papa ist währenddessen mit seinem Smartphone beschäftigt.

Das geht so ein Weilchen – bis Mama mit dem Prinzen einzieht: Leopold, eineinhalb Jahre alt. Papa blickt vom Bildschirm hoch und strahlt, Charlotte nimmt Haltung an, Sophie springt auf und verrückt den Hochstuhl so, daß Mama den Sohn bequem darin plazieren kann, und bleibt in Habacht-Stellung stehen: „Was soll ich dir bringen, Mama?“

So geht es das ganze Frühstück über. Der Prinz im Hochstuhl zeigt durch Laute und die ersten Worte Unmut oder einen Wunsch, Mama schaut auf Sophie – und Sophie springt und macht. Sie ist der Lakai der Familie. Sie muß funktionieren. Und sie funktioniert.

So wird das weitergehen bei Sophie die nächsten Jahre und Jahrzehnte. In der Schule, in Freundschaften, mit Jungs und Männern, im Beruf. Jemand braucht etwas – Sophie springt. Liebe durch Leistung. Wobei Sophie ihre Leistung immer liefert, die Liebe aber nur selten und in kleinen Dosen bekommt, wenn überhaupt.

Bis es irgendwann knirscht im System Sophie: in der Bandscheibe oder den Schultern; in Form von Schlafstörungen oder Übergewicht; durch Depressionen oder extreme Erschöpfung. Wenn sie sich dann erlaubt wahrzunehmen, was sie sich lange verboten hat: ihre Neid- und Haß-Gefühle für ihren Bruder, der immer noch Mamas Prinz ist, und die Wut auf die Mutter, dann ist es Zeit für persönliches Wachstum. Im Sinne der gesunden „wahrhaften Selbstsucht“ (Hermann Hesse).

18. August 2024